Respekt in Ausnahmesituationen
Ivan Mattei arbeitet als Krankenpfleger in der Notaufnahme des Krankenhauses Bozen. Ein Beruf, der Erfahrung, Ruhe und Teamgeist erfordert – und in dem Respekt eine zentrale Rolle spielt.
Ivan, wie bist du Krankenpfleger geworden?
Ivan Mattei: Eigentlich hat alles sehr früh begonnen. Mit 16 bin ich zum Weißen Kreuz gegangen, zuerst in die Jugendgruppe, dann habe ich aktiv Dienst gemacht. Das hat mich sehr interessiert, es hat mir einfach getaugt. Irgendwann habe ich mir gedacht: Das könnte ich auch beruflich machen – aber professioneller. Deshalb habe ich mich am Universitären Ausbildungszentrum für Gesundheitsberufe Claudiana eingeschrieben, dort den Bachelor in Krankenpflege gemacht und später noch einen Master in Notfallkrankenpflege in Rom. Seit mittlerweile vier Jahren arbeite ich jetzt hier in der Notaufnahme in Bozen.
Was fasziniert dich an der Arbeit in der Notaufnahme?
Die Ungewissheit. Man weiß nie, wie der Tag wird – ruhig, stressig oder extrem fordernd. Man hat mit allem zu tun: ältere Menschen, junge Menschen, Kinder, internistische, chirurgische oder traumatologische Notfälle. Es ist wirklich alles dabei. Und genau das macht es spannend. Man lernt ständig dazu, es wird nie langweilig, auch wenn man manchmal die absurdesten Geschichten erlebt.
Wie schaffst du es, in so stressigen Situationen ruhig zu bleiben?
Ruhe ist extrem wichtig. Wenn man selbst nervös oder gestresst ist, kann man niemandem helfen – weder sich selbst noch den Patientinnen und Patienten. Vieles kommt mit der Erfahrung. Je mehr man gesehen hat, desto ruhiger wird man im Umgang mit Situationen. Und wir sind fast nie allein. Es ist immer jemand da, der Ähnliches schon erlebt hat oder mit dem man gut zusammenarbeitet. Das Team macht sehr viel aus.
In der Notaufnahme begegnet man Menschen in sehr verletzlichen Momenten. Wie gehst du damit um?
Man darf nie vergessen: Für uns ist vieles Alltag, für die Patientinnen und Patienten ist es eine absolute Ausnahmesituation. Was für uns Routine ist, kann für sie lebensverändernd sein. Deshalb braucht es Respekt, Geduld und Verständnis. Manchmal muss man Dinge zweimal erklären, manchmal langsam, manchmal sehr ruhig. Genau dann ist Respekt besonders wichtig.
Welche Rolle spielt Respekt im Team?
Eine sehr große. In der Notaufnahme arbeiten viele verschiedene Berufsgruppen zusammen: Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonal, Sanitäter, Freiwillige. Oft arbeitet man jeden Tag mit anderen Mitarbeitenden. Ohne gegenseitigen Respekt, funktioniert es nicht, vor allem nicht in stressigen Situationen. Deshalb sind Teamarbeit, Übungen, Simulationen und auch gemeinsame Momente außerhalb des Dienstes wichtig. Man lernt sich kennen, weiß, wer welche Stärken hat, und kann sich gegenseitig unterstützen.
Was schätzt du besonders an deinen Kolleginnen und Kollegen?
Vor allem die Erfahrung derjenigen, die seit Jahrzehnten in der Notaufnahme arbeiten. In schwierigen Situationen bringt sie nichts aus der Ruhe. Wenn sie neben dir stehen und mithelfen, wird alles überschaubarer. Andere sind besonders geduldig, wieder andere sehr geschickt bei bestimmten Tätigkeiten. Genau diese Vielfalt macht ein gutes Team aus.
Respekt beginnt oft bei einem selbst. Wie gehst du mit der Belastung deines Berufs um?
Das ist ein wichtiger Punkt. Man kann die Arbeit nicht einfach mit der Uniform im Krankenhaus lassen, besonders nicht bei schweren Fällen, bei Kindern oder bei Todesfällen. Deshalb braucht es Ausgleich. Für mich ist Sport, meine Hobbys und Freizeit wichtig. Man muss auf sich selbst achten, sonst leidet irgendwann die Geduld und damit auch der Respekt. Pausen und freie Tage sind keine Nebensache, sondern notwendig, um diesen Beruf langfristig gut auszuüben.
Gibt es Momente, in denen du besonders Wertschätzung erlebst?
Ja. Natürlich tut ein Dankeschön gut. Aber manchmal ist es noch schöner, wenn jemand sagt: Ich sehe, dass hier gearbeitet wird, auch wenn ich lange warten musste. Dieses Verständnis und diese Anerkennung zeigen, dass man wahrgenommen wird. Das gibt viel zurück.
(kt, 19.01.2026)